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Immer locker bleiben

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Friedberg (kaw). Von Aufregung keine Spur. Obwohl es recht eng ist, liegen Paule, Lotte, Milo, Maya, Toulouse und die anderen Hunde seelenruhig beieinander. Bei den Herrchen hingegen ist hier und da ein Anflug von Anspannung zu spüren. Es geht ja auch um etwas, schließlich ist beim Deutschen Roten Kreuz in Friedberg Prüfungstag für Therapiehunde und ihre Besitzer.

 

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Ein tolles Team: Petra Popall (r.) und Toulouse lassen sich von Geklapper und Geschepper nicht aus der Ruhe bringen.


Vierzehn praktische Übungen müssen die neun Therapiehunde-Teams – jeweils bestehend aus einem Hund und seinem Hundehalter – absolvieren, und gleich die erste Übung hat es in sich. Auf dem Vorplatz des DRK Friedberg sollen Herr und Hund zwischen Rollstuhl- und Rollatorfahrern und einer Frau mit Krücken umherspazieren. Dabei kann es passieren, dass eine Krücke herunterfällt oder die Rollstuhlfahrerin plötzlich klatscht. »Die Situationen, die wir heute sehen, sind von unseren ehrenamtlichen Helfern nachgestellt«, erklärt Ausbilderin Birgit Skjeldal. »Aber sie zeigen ganz klassische Begebenheiten, die ein Therapiehund bei seinen Einsätzen erlebt.« Nach der erfolgreichen Ausbildung können die Teams beispielsweise in Kindergärten, Seniorenheimen, Schulen, Hospizen oder Krankenhäusern etwas Gutes für die Menschen tun.

Golden Retriever Toulouse betritt zuerst den mit Verkehrshütchen gekennzeichneten Platz. Souverän lässt sich der zweieinhalbjährige Rüde von Rollstuhlfahrer und Rollator umkreisen. Er schnüffelt, wenn ihm jemand nahe kommt, ist dabei aber nicht aufdringlich. Hoppla, da fällt eine Krücke auf seinen Schwanz. Toulouse dreht sich kurz um, guckt dann aber wieder treu zu seiner Besitzerin und Teampartnerin Petra Popall hoch.

Ähnlich bravourös meistern die acht anderen Teams die Übung. Lucy bellt ab und an, das Klappern und Scheppern scheint nicht so ganz ihr Ding zu sein. Aber auch sie bleibt brav an der Seite ihres Teampartners.

Einen einstündigen theoretischen Test haben die Prüflinge bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Nun geht es darum, vor den Augen von Skjeldal und der aus Baden-Württemberg angereisten Prüferin Doris Wanner in der Praxis zu bestehen.

Grölende Gruppe? Kein Problem

Bei Übung Nummer zwei sind ebenfalls starke Nerven gefragt: Nachgestellt wird eine Situation an der Bushaltestelle. Eine grölende Gruppe kommt vom imaginären Herbstmarkt direkt auf Eva Dagne und Labrador-Hündin Vanilla zu. »Ey, was’n süßer Hund«, sagt eine der Ehrenamt-Schauspielerinnen mit dröhnender Stimme. »Echt, voll krass dein Hund, den nehmen wir gleich mit.« Und schon wird Vanilla von vier Menschen umringt, gekrault und getätschelt, ob sie nun will oder nicht. Zum Glück will Vanilla, und auch Eva Dagne bleibt freundlich und ruhig und lässt sich auf ein Gespräch mit der Gruppe ein.

Es ist kein Wunder, dass die Prüfungen bei Hunden und Herrchen reibungslos laufen. Die Teams mussten im September zunächst einen Eignungstest bestehen und wurden dann an zwei Wochenenden theoretisch und praktisch intensiv auf diesen Tag vorbereitet. Ausgebildet wurden sie von einer Ärztin, einer Hundepsychologin, einem Hundetrainer, einer Sozialpädagogin und einer Veterinärmedizinerin. Das Lernspektrum umfasste die Geschichte der tiergestützten Therapie, Stress beim Hund, Empathie und Kinder, Verhaltensgrundsätze in kritischen Einsatzsituationen und vieles mehr. Außerdem gehörten zur Grundausbildung erste Praxisübungen im Altersheim.

»Ich habe über einen Artikel in der WZ davon erfahren, dass das DRK Friedberg Hunde-Teams für die Ausbildung sucht«, erzählt Irmi Mangels. Ihre Hütehund-Mix-Hündin Lotte hatte bereits Erfahrung im Umgang mit Kindern. Vor ihrer Pensionierung arbeitete Irmi Mangels als Lehrerin, und Lotte war bei Ausflügen und Nachmittagsunterricht regelmäßig mit dabei. »Sie ist sehr menschenbezogen und freundlich, und wir sind ein gutes Team.« Das zeigt sich auch bei einem Kunststück, das die beiden während der Prüfung vorführen. Irmi Mangels beugt sich vor, bildet mit ihren Armen einen Kreis, ruft, »Lotte, hopp« und schon schwebt Lotte wie eine Wuschelwolke durch ihre Arme. Am Ende des Tages haben alle Teams bestanden. Birgit Skjeldal ist stolz auf ihre Schützlinge. »Es ist toll zu sehen, wie alle Teilnehmer der Gruppe das Gelernte umgesetzt haben.«

Prüferin Doris Wanner betont, wobei es ihr bei der Beurteilung gegangen ist. »Wir Menschen entscheiden, in welche Situation wir unseren Hund bringen. Ich achte bei meiner Bewertung darauf, ob sich der Hund wohlfühlt.« Sollte ein Hund nicht bestehen, wäre er ja trotzdem ein prima Hund. »Nur nicht für diese Art von Aufgabe.«

Anders als beim Servicehund (Blindenhund, Behindertenbegleithund) durchlaufen Therapiehunde gemeinsam mit ihrem Besitzer die Ausbildung. Mensch und Hund sind stets ein Team. Beim Eignungstest wird von daher besonders auf das Verhältnis zwischen Herr und Hund geachtet, unabhängig von der Rasse und vom Alter des Hundes. Der Hund sollte den Kontakt zu Menschen lieben und sich gerne streicheln lassen. Er muss souverän in unangenehmen Situationen sowie bei der Begegnung mit anderen Hunden sein und sollte die Grundkommandos kennen.

 

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